Und täglich grüßt der Gutmensch

Eingebildete egozentrische Träumer, realitätsfremd und falsch flackert Ihnen automatisch vor den Augen, als Sie das Wort Gutmensch in der Titelüberschrift gelesen haben? Herzlichen Glückwunsch, willkommen im Wörterkäfig einer merkwürdigen Gesellschaft.

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Der Gutmensch. Moment. Das Wort Gutmensch hat es in den letzten Jahren sicher nicht leicht. Abgestempelt mit negativen Assoziationen fristet das Wort sein trostloses Dasein im Duden und wird gerne von einigen Menschen dafür verwendet, um das Gegenteil zu meinen. Ein Gutmensch setzt sich natürlich nicht für das Gute ein, wo kämen wir denn da hin. Ein Gutmensch ist jemand der nervt. Er wird als das entlarvt, was er hinter seiner Fassade wirklich ist. Ein Moralapostel, stur geradeaus blickend. Mit der Weisheit auf der Fahne stürzt er sich auf die Unwissenden um Ihnen Einhalt zu gebieten. Stets tritt er unangenehm rechthaberisch auf, um andere endlich zu bekehren.

Man stellt ihn unter Generalverdacht nur das Gute zu predigen, aber das Falsche zu machen. Er macht vieles nur demonstrativ und weiß immer, was andere zu machen haben, verpflichtet sich aber nie sich selbst. Kurzum: Ich sage ja zu Wasser, aber heut ist es Wein.

Was genau möchte man damit bezwecken, eine Wort hämisch in seiner Bedeutung zu entkräften? Sind nun alle diejenigen, die sich für das Gute einsetzen gute Menschen und ab einer gewissen Grenze plötzlich Gutmenschen? Und hängt dies von der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters ab?

Die Gefahr dieser schizophrenen Wortverdrehung führt letztendlich dazu, im Zweifel für den Gutmensch zu stempeln. Haben Sie auf der Heckscheibe ihres Autos ein „Atomkraft – nein danke“ Aufkleber, fliegen aber jährlich in den Urlaub? Gutmensch! Trennen Sie fleißig Müll, kaufen aber bei jedem Einkauf Plastiktüten anstatt umweltfreundliche wiederverwendbare Stoffbeutel zu benutzen? Gutmensch!

Man kann alles ins schlechte drehen, unterstellt man dem gegenüber nur eine Verlogenheit, die eigentlich nur in demjenigen steckt, der dieses Wort fälschlicherweise negativ benutzt. Das kann man auch daran erkennen, dass sich nur sehr wenige selbst als Gutmensch betiteln, sondern dieser Begriff häufig nur „von außen“ wirkt. Nach der Bezeichnung ist die Debatte beendet, es entsteht kein Diskurs, rein gar nichts, und der Gutmensch-Bezeichner lehnt sich wieder bequem auf die Couch.

Es wird immer Menschen geben, die den Grundsatz „gehe immer davon aus, dass du nie alles wissen kannst“ nicht verstehen und andere Maßregeln. Weil Sie es können, ihnen Macht gibt und/oder wirklich davon überzeugt sind, dass sie alleine die Norm und Wahrheit kennen, sich aber häufig in anderen Punkten nicht daran halten. Dann bitte differenzierter und lasst das Wort Gutmensch aus dem Spiel. Wo sind denn die ganzen Wörter wie scheinheilig, unredlich, unehrlich, hinterlistig, heuchlerisch usw. geblieben?

Es gibt zwei Arten von Ex-Rauchern. Die einen wollen die Noch-Raucher ehrlich davon überzeugen, doch endlich aufzuhören. Sie tun es sanft, manchmal unterschwellig, geben Tipps aber lassen den Raum für die eigene Entscheidung. Toleranz, eine Art Verständnis umgibt sie. Dann gibt es die militanten Ex-Raucher. Sie führen sich auf, als seien Sie schon immer Nichtraucher gewesen. Vergessen die Zeit des Zwangs und schütteln ungläubig den Kopf, sollte es jemand wagen in ihrer Nähe eine Zigarette anzuzünden. Aggressiv sagen Sie: „Wie können Sie nur in Anwesenheit von Kindern rauchen“.

Beide sagen eigentlich das Selbe. Unterstellt man dem ersten sofort ein Gutmensch-Verhalten, sind alle seine ehrlich gemeinten Ratschläge und Versuche zur Makulatur geworden. Sind Sie aber deswegen unwahrer? Man belächelt die Versuche und hängt zynische Sätze wie „Wenn du so schlau bist, warum hast du dann nicht schon früher aufgehört?“ oder „Du hast doch selber geraucht, von dir lasse ich mir gar nichts sagen“ hinten dran. Das alles führt zu nichts.

Es gibt auch zwei Arten von Vegetarier, Umweltaktivisten, Tierschützer, Menschenrechtler, Sportler, etc. Entweder versuchen sie etwas positiv vorzumachen, zu motivieren, uns Denkanstöße zu geben um eigene Ansichten zu überprüfen. Ohne den Anspruch von Perfektionismus zu erheben den niemand erfüllen kann. Oder aber sie engen uns ein, erzeugen ein schlechtes Gewissen, fühlen sich erhaben gegenüber den anderen nach dem Motto: Ich mach, ich bin, du nicht.

Wenn Sie uns einengen sind es keine Gutmenschen. Früher nannte man sie auch Arschlöcher.

geschrieben von Tobias B. Vogt

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Weiterführende Quelle:

http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/kurz-und-schmerzhaft/b-wertet-was-bedeutet-eigentlich-gutmenschentum/6866754.html

http://www.3sat.de/page/?source=/kleinkunst/178424/index.html

http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/politische_korrektheit_wider_den_aufstand_der_gutmenschen

http://www.zeit.de/community/2014-05/gutmenschen-debatte-meinungsfreiheit

http://www.cicero.de/berliner-republik/frau-fried-fragt-sich-was-gutmenschen-schlecht-sein-soll/57715

http://www.deutschlandradiokultur.de/gutmenschen-eben-mal-die-welt-retten.976.de.html?dram:article_id=294305

http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/