Und täglich grüßt der Gutmensch

Eingebildete egozentrische Träumer, realitätsfremd und falsch flackert Ihnen automatisch vor den Augen, als Sie das Wort Gutmensch in der Titelüberschrift gelesen haben? Herzlichen Glückwunsch, willkommen im Wörterkäfig einer merkwürdigen Gesellschaft.

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Der Gutmensch. Moment. Das Wort Gutmensch hat es in den letzten Jahren sicher nicht leicht. Abgestempelt mit negativen Assoziationen fristet das Wort sein trostloses Dasein im Duden und wird gerne von einigen Menschen dafür verwendet, um das Gegenteil zu meinen. Ein Gutmensch setzt sich natürlich nicht für das Gute ein, wo kämen wir denn da hin. Ein Gutmensch ist jemand der nervt. Er wird als das entlarvt, was er hinter seiner Fassade wirklich ist. Ein Moralapostel, stur geradeaus blickend. Mit der Weisheit auf der Fahne stürzt er sich auf die Unwissenden um Ihnen Einhalt zu gebieten. Stets tritt er unangenehm rechthaberisch auf, um andere endlich zu bekehren.

Man stellt ihn unter Generalverdacht nur das Gute zu predigen, aber das Falsche zu machen. Er macht vieles nur demonstrativ und weiß immer, was andere zu machen haben, verpflichtet sich aber nie sich selbst. Kurzum: Ich sage ja zu Wasser, aber heut ist es Wein.

Was genau möchte man damit bezwecken, eine Wort hämisch in seiner Bedeutung zu entkräften? Sind nun alle diejenigen, die sich für das Gute einsetzen gute Menschen und ab einer gewissen Grenze plötzlich Gutmenschen? Und hängt dies von der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters ab?

Die Gefahr dieser schizophrenen Wortverdrehung führt letztendlich dazu, im Zweifel für den Gutmensch zu stempeln. Haben Sie auf der Heckscheibe ihres Autos ein „Atomkraft – nein danke“ Aufkleber, fliegen aber jährlich in den Urlaub? Gutmensch! Trennen Sie fleißig Müll, kaufen aber bei jedem Einkauf Plastiktüten anstatt umweltfreundliche wiederverwendbare Stoffbeutel zu benutzen? Gutmensch!

Man kann alles ins schlechte drehen, unterstellt man dem gegenüber nur eine Verlogenheit, die eigentlich nur in demjenigen steckt, der dieses Wort fälschlicherweise negativ benutzt. Das kann man auch daran erkennen, dass sich nur sehr wenige selbst als Gutmensch betiteln, sondern dieser Begriff häufig nur „von außen“ wirkt. Nach der Bezeichnung ist die Debatte beendet, es entsteht kein Diskurs, rein gar nichts, und der Gutmensch-Bezeichner lehnt sich wieder bequem auf die Couch.

Es wird immer Menschen geben, die den Grundsatz „gehe immer davon aus, dass du nie alles wissen kannst“ nicht verstehen und andere Maßregeln. Weil Sie es können, ihnen Macht gibt und/oder wirklich davon überzeugt sind, dass sie alleine die Norm und Wahrheit kennen, sich aber häufig in anderen Punkten nicht daran halten. Dann bitte differenzierter und lasst das Wort Gutmensch aus dem Spiel. Wo sind denn die ganzen Wörter wie scheinheilig, unredlich, unehrlich, hinterlistig, heuchlerisch usw. geblieben?

Es gibt zwei Arten von Ex-Rauchern. Die einen wollen die Noch-Raucher ehrlich davon überzeugen, doch endlich aufzuhören. Sie tun es sanft, manchmal unterschwellig, geben Tipps aber lassen den Raum für die eigene Entscheidung. Toleranz, eine Art Verständnis umgibt sie. Dann gibt es die militanten Ex-Raucher. Sie führen sich auf, als seien Sie schon immer Nichtraucher gewesen. Vergessen die Zeit des Zwangs und schütteln ungläubig den Kopf, sollte es jemand wagen in ihrer Nähe eine Zigarette anzuzünden. Aggressiv sagen Sie: „Wie können Sie nur in Anwesenheit von Kindern rauchen“.

Beide sagen eigentlich das Selbe. Unterstellt man dem ersten sofort ein Gutmensch-Verhalten, sind alle seine ehrlich gemeinten Ratschläge und Versuche zur Makulatur geworden. Sind Sie aber deswegen unwahrer? Man belächelt die Versuche und hängt zynische Sätze wie „Wenn du so schlau bist, warum hast du dann nicht schon früher aufgehört?“ oder „Du hast doch selber geraucht, von dir lasse ich mir gar nichts sagen“ hinten dran. Das alles führt zu nichts.

Es gibt auch zwei Arten von Vegetarier, Umweltaktivisten, Tierschützer, Menschenrechtler, Sportler, etc. Entweder versuchen sie etwas positiv vorzumachen, zu motivieren, uns Denkanstöße zu geben um eigene Ansichten zu überprüfen. Ohne den Anspruch von Perfektionismus zu erheben den niemand erfüllen kann. Oder aber sie engen uns ein, erzeugen ein schlechtes Gewissen, fühlen sich erhaben gegenüber den anderen nach dem Motto: Ich mach, ich bin, du nicht.

Wenn Sie uns einengen sind es keine Gutmenschen. Früher nannte man sie auch Arschlöcher.

geschrieben von Tobias B. Vogt

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Weiterführende Quelle:

http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/kurz-und-schmerzhaft/b-wertet-was-bedeutet-eigentlich-gutmenschentum/6866754.html

http://www.3sat.de/page/?source=/kleinkunst/178424/index.html

http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/politische_korrektheit_wider_den_aufstand_der_gutmenschen

http://www.zeit.de/community/2014-05/gutmenschen-debatte-meinungsfreiheit

http://www.cicero.de/berliner-republik/frau-fried-fragt-sich-was-gutmenschen-schlecht-sein-soll/57715

http://www.deutschlandradiokultur.de/gutmenschen-eben-mal-die-welt-retten.976.de.html?dram:article_id=294305

http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/

Die Affäre Wulff oder „Worum ging es nochmal?“

Vorweg. Es geht nicht darum, ob man Herrn Christian Wulff nun mag oder nicht, ob er für einen zu glatt, zu konservativ ist oder unfähig wirkte. Es geht um die kritische Betrachtung, welche möglichen Hintergründe bei diesem Affentheater um Wulff ausschlaggebend sein konnten.

Wenn Sie an Wulff denken, hat der Name für Sie sicher einen negativen Beigeschmeck. Kurze Zeit schien es sogar, dass ein Verb wie wulffen salonfähig wird. Stellen Sie sich kurz die Frage, was genau Sie über die Affäre um Wulff überhaupt noch wissen.

Worum ging es eigentlich nochmal?

Im Oktober 2008 hatte das Ehepaar Wulff, Christian Wulff war zu dieser Zeit noch Ministerpräsident von Niedersachen, einen privaten Kreditvertrag in Höhe von 500.000 Euro unterzeichnet. Bestandteil des Kredits war ein niedriger Zinssatz von vier Prozent ohne Sicherheiten. Die private Kreditgeberin war Edith Geerkens, die Gattin von Egon Geerkens, der eine langjährige Freundschaft zu Wulff pflegt.

Nachdem im Februar 2010 die Grünen im niedersächsischen Landtag nachfragten, ob Ministerpräsident Christian Wulff zu dem Unternehmer Egon Geerkens eine geschäftliche Beziehung hat, verneinte er das. Möglicherweise kamen diese Bedenken, da Egon Geerkens als Mitglied der Wirtschaftsdelegation Christian Wulff nach China und Indien begleitet hat. In diesem Zeitraum wurde auch der private Kredit ausgehandelt. Kurz danach hat man den privaten durch einen regulären Kredit der BW-Bank abgelöst, Egon Geerkens vermittelte diesen. Drei Monate Später, im Juni 2010 wurde Christian Wulff Bundespräsident.

Ende 2010 werden erste Gerüchte laut, das es günstige Konditionen für Wulffs Hauskauf gibt. Schockierend. Auf die Frage von Journalisten wer der Darlehensgeber ist antwortete der Sprecher von Wulff, Olaf Glaeseker, „die BW-Bank“ [1]. Wulff bedauerte später, dass er den Privatkredit nicht erwähnt hat.

Wir machen einen Sprung nach vorn.

Was viele nicht oder nicht mehr wissen. Am 24.08.2011 hielt Wulff in Lindau zur Eröffnung der 4. Tagung der Wirtschaftsnobelpreisträger eine Rede.

Hier ein Auszug:

[…] „Die Banken- und Schuldenkrise hat die Politik, hat die Regierungen und Notenbanken, an Grenzen gebracht.“ […]

[…] „Als die Krise ausbrach, bestand auf globaler Ebene schnell Einigkeit. Beschlossen wurden Konjunkturpakete in einem bislang nie dagewesenen Ausmaß. Dem Finanzsektor und den Banken eilte man zu Hilfe – mit Steuergeld, Staatsgarantien und massiven monetären Transfusionen durch die Notenbanken. Es galt, mit allen Mitteln den Kollaps zu verhindern und den Kreislauf des Patienten Weltwirtschaft zu stabilisieren. Dies geschah mit dem Vorsatz, den Patienten dann auch baldmöglichst zu therapieren. Doch immer noch ist der Bankensektor labil, sind die Staatschulden in den größten Volkswirtschaften auf Rekordniveau und die fundamentalen Probleme für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit so präsent wie zuvor. Es wurde mehr Zeit gewonnen, als Zeit genutzt.“ […]

[…] „Wir haben weder die Ursachen der Krise beseitigt, noch können wir heute sagen: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Wir sehen tatsächlich weiter eine Entwicklung, die an ein Domino-Spiel erinnert: Erst haben Banken andere Banken gerettet, und dann haben Staaten Banken gerettet, dann rettet eine Staatengemeinschaft einzelne Staaten. Wer rettet aber am Ende die Retter? Wann werden aufgelaufene Defizite auf wen verteilt beziehungsweise von wem getragen?“ […]

[…] „Ich verstehe, dass viele nicht nachvollziehen wollen, dass Bankmanager teils exorbitant verdienen, dass aber zugleich Banken mit Milliarden gestützt werden. Und Trittbrettfahrer in der Finanzwelt spekulieren weiterhin darauf, von der Politik und damit letztlich von den Steuerzahlern aufgefangen zu werden – weil sie zum Beispiel zu groß sind und zu relevant für den gesamten Wirtschaftskreislauf.“ […]

[…] „Statt klare Leitplanken zu setzen, lassen sich Regierungen immer mehr von den globalen Finanzmärkten treiben. Immer öfter treffen sie eilig weitreichende Entscheidungen kurz vor Börsenöffnung, anstatt den Gang der Dinge längerfristig zu bestimmen.“ […]

[…] „Politik muss ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Sie muss sich davon lösen, hektisch auf jeden Kursrutsch an den Börsen zu reagieren. Sie darf sich nicht abhängig fühlen und sich am Nasenring durch die Manege führen lassen, von Banken, von Rating-Agenturen oder sprunghaften Medien.“ […]

(ganze dokumentierte Rede hier: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/tagung-der-wirtschaftsnobelpreistraeger-die-rede-von-christian-wulff-in-lindau-11124112.html)

Ist Herr Wulff damit bestimmten Leuten auf die Füße getreten? Vielleicht ist diese Frage gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass er in seiner Rede indirekt die Eurobonds mit dem dranhängenden ESM-Vertrag, Teil des sogenannten Euro-Rettungsschirms, kritisiert hat. Der ESM- Vertrag hat die Aufgabe die Zahlungsunfähigkeit überschuldeter Mitgliedsstaaten in der Eurozone durch Kredite und Bürgschaften zu verhindern. Die Sache hat natürlich einen harken. Alle Gesetze, hier Das Gesetz zur Ratifizierung des ESM-Vertrages, sind vom Bundespräsidenten zu unterzeichnen damit diese rechtskräftigt werden. Nach der Rede lag wohl die Vermutung nahe, dass der Bundespräsident diesen Vertrag so nicht vertreten konnte.

Mit wem würden Sie persönlich einen gemeinsamen Kredit aufnehmen, für wen würden Sie persönlich bürgen?“ [2], fragte Wulff auf der Konferenz in Lindau rhetorisch.

Wulff hatte offenbar große Bedenken gegen den ESM Vertrag, da Deutschland für alle Notkredite mit dem größten prozentualen Anteil haftet. Welch eine Ironie. Er kritisierte die Rettungskredite und die damit verbundenden Risiken und wurde selbst wegen seinem privaten Kredit medial zum Abschuss freigegeben.

Am 12.12.2011, knapp viereinhalb Monate nach der Rede wurden die ersten Einzelheiten seines Privatkredites in einem Bild-Bericht online veröffentlicht. Einen Tag später folgte die Printausgabe. Diesen versuchte Wulff zu verhindern, indem er mit dem bekannten Mailboxanruf mit Konsequenzen drohte, sollte dieser erscheinen.

Danach begann eine Hetzkampagne, die man einfach nicht anders benennen kann. Mit immer neueren Vorwürfen wie Urlaubsreisen, Bobby Car-Geschenk, Vetternwirtschaft u.a. heizte man die Stimmung permanent auf. Berücksichtigt man die späteren Stammtisch-Diskussionen, ob Wulff nun den Ehrensold überhaupt erhalten soll oder nicht, haben die Medien ganze Arbeit geleistet. Die Menschen sind polarisiert.

Der Druck schien so groß zu werden, dass nun auch die Staatsanwaltschaft sich der Sache annahm. Wenn schon diese ganzen Behauptungen in den Medien kursieren, sollte doch auch was dran sein. Da das Amt des Bundespräsidenten jedoch Immunität gewährt, hätte eine Strafverfolgung nur über zwei Wegen geführt werden können. Eine Beantragung für die Aufhebung der Immunität über den Bundestag (was die Staatsanwaltschaft am 16.02.2012 getan hat) oder durch Rücktritt.

Um Anstand zu wahren oder sich höchstwahrscheinlich ein wenig Würde bewahren zu können, genug öffentliche Aufmerksamkeit hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits, trat Wulff am 17.02, einen Tag nach der Beantragung zurück. Ziel erreicht?

Der ganze Hick Hack, die ganzen Beschuldigungen führten letztendlich dazu, dass die Beweise so erdrückend waren, dass dem Landgericht Hannover 2014 nichts anders übrig blieb, als Wulff vom Vorwurf der Vorteilsnahme freizusprechen. Der Korruptionsprozess ging hauptsächlich gar nicht mehr um den Privatkredit, sondern um –halten Sie sich fest- 720 Euro (gerundet). Ein Teil dessen Betrages wurde während dem Oktoberfest 2008 ohne Wissen von Herrn Wulff übernommen. Ex-Bundespräsident Wulff konnte dem Gericht glaubhaft machten, dass er diesen Betrag wieder zurückerstattet hat. Das hätten die Ankläger gerne als Bestechlichkeit gesehen. Wer glaubt denn bitte allen Ernstes, dass sich Wulff mit einem solchem Kleckerbetrag in Bredouille bringen lässt, obwohl ihm vieles eh wegen Dienstausübung erstattet wird?

Apropos 720 Euro. Wie steht es eigentlich um den Berlin Brandenburg Flughafen? Bis Ende 2014 sollen die Kosten für dieses Langzeitprojekt auf mehr als 5 Milliarden steigen. Das ist eine Differenz zu den anfänglichen Plankosten von ca. 3 Milliarden Euro! Haben Sie mal mit einem Berliner gesprochen? Wussten Sie, dass man nach dem Bau nicht einmal den –überspitzt- Schalter finden konnte, um das Licht im Gebäude auszuschalten? Gibt’s nicht? Doch. Das Licht brannte monatelang Tag und Nacht durch. Macht ja nichts, denn Sie kennen das sicherlich aus eigener Erfahrung. Strom ist extrem billig.

Wer wurde bis jetzt dafür zur Verantwortung gezogen? Ich meine damit nicht durch „hinschmeißen“, sondern gerichtlich.

Man kann Wulff sicher vieles Vorwerfen. Dass sein tun oder unterlassen, sein warten und zögern einiges verschlimmert hat. Das er für einige kein Schambolzen ist und auf manche sogar arrogant wirkt. Das alles aber ist kein Straftatbestand. Wollte man von wichtigen Dingen ablenken? Anscheinend wurde uns hier eine Bühne vorgesetzt, mit einer gut ausgestatteten Kulisse seitens der Medien, um einen Mann wie Christian Wulff loszuwerden. Mit Unterstützung aufrichtiger Bürger, die gerne mitspielten.

Um mit einem Zitat vom Kabarettisten Hagen Rether abzuschließen: „ […] Beim Wulff halten wir es nicht aus, dass er ein Schnäppchenjäger und Kleinbürger ist, genau wie wir. So gut wurde noch nie das deutsche Volk repräsentiert, wie von Wulff […] “ [3]

geschrieben von Tobias B. Vogt

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[1] http://www.focus.de/politik/deutschland/wulff-unter-druck/chronik-der-affaere-wulff-die-vorwuerfe-sein-kampf-ums-amt-die-folgen_aid_696704.html

[2] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/tagung-der-wirtschaftsnobelpreistraeger-die-rede-von-christian-wulff-in-lindau-11124112-p4.html (Seite 4 von 6)

[3] Sendung Mitternachtsspitzen WDR, 2012

Weiterführende Quellen:

http://www.focus.de/politik/deutschland/wulff-unter-druck/chronik-der-affaere-wulff-die-vorwuerfe-sein-kampf-ums-amt-die-folgen_aid_696704.html

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/spott-ueber-bundespraesidenten-neues-verb-wulffen-entstanden-a-808568.html

http://www.juraexamen.info/aufhebung-immunitat-von-bundesprasident-christian-wulff/

http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-08/wulff-ezb-staatsanleihen

http://www.cicero.de/blog/stadtgespraech/2013-08-16/das-ewige-licht-im-flughafen-ber

http://www.tagesspiegel.de/berlin/ber/das-milliardengrab-ber-neuer-flughafen-koennte-sogar-acht-milliarden-kosten/9703588.html

 

Transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) – Die „geheime“ Glückseligkeit

Seit Juli 2013, also einem guten Jahr, verhandeln nun schon die Vertreter der europäischen Kommission mit der „US-Regierung“ über ein Handelsabkommen, dass durch Beseitigung von Handelshemmnissen (nicht-tarifäre und Zölle) die sogenannte transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) stärken soll.

Vorbereitet wurden diese Verhandlungen seit 2011 von der sogenannten “High Level Group on Jobs and Growth”. Diese Gruppe, high auf einem stets sehr hohen Level, hat mit rund 130 intensiven Gesprächsrunden die Grundlage dafür geschaffen. Die gebetsmühlenartige Verteidigung für das TTIP-Abkommen, dass dieses wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze schafft, wird abgerundet mit der Aussage von Frau Merkel (Bundeskanzlerin) „ein Mehr an Umweltschutz, ein Mehr an Verbraucherschutz“ [1]

Diese Glückseligkeit die uns hier um die Ohren geworfen wird, wird sehr deutlich wenn wir uns mal die Mitglieder an den Gesprächen der High Level Group on Jobs and Growth ansehen. Es gab 119 Gesprächsrunden mit Industrieverbänden und stolze 11 mit VerbraucherInnengruppen.

Auf Basis dieser Gesprächsgrundlagen wird jetzt also verhandelt.

Möchten Sie demnächst für Ihre Frau ein neues Auto kaufen? Gut, dann sprechen Sie zweimal mit Ihrer Schwiegermutter und 18 mal mit dem Autoverkäufer. Ja nicht mit Ihrer Frau!

Neben den Zöllen zwischen der USA und der EU, die sich eh schon auf einen sehr niedrigen Stand befinden, geht es bei den Verhandlungen vor allem um folgende nicht-tarifäre Punkte:

  • Eine Harmonisierung (nicht HUMANisierung) durch Angleichung von Normen und Standards in möglichst vielen Bereichen.
  • Ein vereinfachter Marktzugang für öffentliche Aufträge für ausländische Unternehmen.
  • Die Etablierung von Regeln und Prinzipien die der Liberalisierungen dienen.

Die EU-Kommission begründet diese Punkte damit, dass durch Reduzierung oder Abschaffung „Deutschland […] ganz besonders profitieren [würde]“ [2]

Nehmen wir als Beispiel die IT-Industrie:

Unterschiedliche Datenschutzbestimmungen erschweren es IT-Dienstleistern, ihren Service grenzüberschreitend anzubieten. Beispielsweise können Daten aus der EU nicht in Rechenzentren in den USA gespeichert werden. Hierdurch entstehen teure Doppelstrukturen“ [3]

Die NSA-Debatte, die ja offiziell von Herrn Pofalla 2013 für „beendet“ erklärt wurde, ist immer noch aktuell und man will diesen Datenwahnsinn weiter vorantreiben?

Lebensmittel-Industrie:

Die Zulassungskriterien für Lebensmittel unterscheiden sich zwischen Europa und den Vereinigten Staaten stark. Die Bedenken gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln sind in Europa groß – europäische Herkunftsbezeichnungen für Lebensmittel dagegen sind in den USA nicht geschützt“ [4]

Was soll das heißen? Weil wir in der EU sehr strenge Zulassungskriterien bei Lebensmitteln haben müssen wir uns jetzt den niedrigen Standards der USA anpassen?

Ein weiterer fragwürdiger Punkt ist der Investitionsschutz für Investoren und die dadurch vorhandene Klagemöglichkeit. Sollten sich Unternehmen durch nationale Gesetze gehemmt fühlen, weil sie ja durch das Freihandelsabkommen unter dem Mantel des Investitionsschutzes fallen, haben diese die Möglichkeit den betreffenden Staat über ein internationales Schiedsgericht zu verklagen. Aktuelles Beispiel ist hier der Tabakkonzern Philip Morris der Australien verklagt hat, weil Zigarettenschachteln nur noch unter strengen Auflagen (Olivgrüne Verpackung, Warnbilder) verkauft werden dürfen.

Jetzt könnte man ja einfach sagen, gut, dann lassen wir den Investorenschutz komplett raus. Das wird offensichtlich auch von der Bundesregierung so gesehen da sie, man staune, „Bedenken gegen juristische Privilegien für Investoren“[5] hat. Ein US-Handelsexperte antwortete darauf „Meinen die Deutschen das ernst, können wir TTIP vergessen“ [6]. Lustig oder?

Die amerikanische Wirtschaftslobby scheint massiv darauf zu bestehen, dass dieser Investorenschutz Bestandteil des TTIP bleibt.

Ich stelle mir das dann folgendermaßen vor:

Fracking wird in Deutschland gesetzlich verboten (oder sonst wie eingeschränkt) – ein amerikanischer Konzern möchte in Deutschland in Fracking investieren – der Konzern fühlt sich durch dieses Gesetz gehemmt – der Konzern klagt vor dem Schiedsgericht auf Schadensersatz, vielleicht wird sogar das Gesetz gekippt – Fracking wird durchgeführt.

Schreiben Sie mir ruhig, sollte es einen Knoten in meinem Gedankenspiel geben.

Kann es sein, dass die Konzerne durch dieses Freihandelsabkommen (Frei von allen Beschränkungen) gentechnisch veränderte Lebensmittel, Fracking, Abbau von Arbeitnehmerrechten, Reduzierung des Datenschutzes etc. durch die Hintertür durchboxen wollen? Anscheinend muss jedes Parlament zukünftig, sollte diese Abkommen wirklich in dieser Form kommen, bei neuen Gesetzen Angst davor haben, dass sofort eine „Zahlungsanweisung“ irgendeines Konzerns in den Briefkasten flattert.

Aber gut, wir werden sicher zur Entschädigung ein bisschen Wachstum und ein paar unterbezahlte Jobs mehr haben.

Zum Schluss:

Um möglichst die Transparenz für uns Bürger aufrecht zu erhalten, hat man sich dazu entschieden die Verhandlungen im geheimen stattfinden zu lassen. Mich würde gerne mal interessieren, von wem dies überhaupt gefordert wurde. Ganz nach dem Motto <Ihr werdet alles erfahren, nur dann ist es schon entschieden>

geschrieben von Tobias B. Vogt

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[1] http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/05/17/merkel-freihandelsabkommen-ttip-staerkt-umwelt-und-verbraucherschutz/

[2] http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2014/march/tradoc_152274.pdf (Version März 2014) (Seite 2 von 7)

[3] http://www.kas.de/upload/dokumente/verlagspublikationen/Transatlantische_Wirtschaftspartnerschaft/transatl-wirtsch-partnerschaft-handelsbarrieren.pdf (Seite 3 von 4)

[4] http://www.kas.de/upload/dokumente/verlagspublikationen/Transatlantische_Wirtschaftspartnerschaft/transatl-wirtsch-partnerschaft-handelsbarrieren.pdf (Seite 3 von 4)

[5] [6] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-und-usa-streiten-ueber-freihandelsabkommen-ttip-a-983146.html

Weiterführende Quelle:

http://know-ttip.eu/details/geheime-verhandlungen/

http://www.kas.de/upload/dokumente/verlagspublikationen/Transatlantische_Wirtschaftspartnerschaft/transatl-wirtsch-partnerschaft-handelsbarrieren.pdf

http://ec.europa.eu/trade/policy/in-focus/ttip/about-ttip/index_de.htm

http://www.attac.de/ttip

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-08/nsa-bnd-pofalla–bundestag-spaehaffaere-snowden-abkommen

https://www.campact.de/ttip/

http://www.taz.de/!136053/

Vorwort

Wenn man irgendwo mit dem Wort ,Kritik‘ konfrontiert wird, sei es z.B. in einer Beziehung, in alltäglichen Gesprächen oder in Beurteilungsbögen, ist sofort dieses unterschwellige, negative Gefühl da.

Viele verbinden Kritik sofort mit etwas schlechtem. Woher genau diese Verknüpfung Kritik gleich negativ kommt, können wir vielleicht aufdecken, wenn wir kurz etwas Licht um dieses Wort schimmern lassen. Daran anknüpfend möchte ich Ihnen den Bezug zu meinem Blog erklären.

Die Philosophin Anne-Barb Hertkorn hat Kritik als „eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung“ [1] definiert.

Um uns also ein Urteil bilden zu können, müssen wir etwas BEurteilen können. Das kann eine Handlung, eine aktuelle Lage oder ein Gegenstand sein. Beurteilen können wir nur in dem wir etwas prüfen. Daraus folgt unterscheiden und entscheiden zu können. Stimmt etwas nicht mit dem überein was man uns z.B. durch Worte oder Handlungen vorgibt, müssen wir mit dem Gegenstand unserer Beurteilung (Kritik) etwas kritisch sein. Beispielsweise wenn eine andere Person behauptet, dass man ein rotes T-Shirt trägt, obwohl es blau ist.

Wir müssen kritisieren. Wir beanstanden, bemängeln etwas. Das Gegenstück ist positive Kritik (blau? Blau!)

Kritsch entlehnt sich aus dem französischen critique, das auf das lateinische Wort criticus und altgrichische kritikós (Verb krínein „entscheiden, unterscheiden“) zurückgeht.

Nun, wenn Sie jetzt eine gute Freundin haben, die sich vor einer wichtigen Veranstaltung Ihnen nochmal „präsentiert“ und Sie feststellen, dass die Schuhe überhaupt nicht zum Kleid passen, haben Sie jetzt zwei Möglichkeiten:

1. Sie sind ein typischer Ja-Sager: „Sieht toll aus“, obwohl Sie schon gut abschätzen können, dass Ihre Freundin sich damit lächerlich machen wird.

2. Sie üben Kritik.

Wenn Sie Nummer 2 wählen, haben Sie sicher schon häufiger zu spüren bekommen wie der Gegenüber reagiert. Anfeindungen, Beschuldigungen, Rückzug, Tränen, etc.

Denn wer möchte schon gerne kritisiert werden? Ich glaube das ist der wichtigste Grund, warum die Assoziation Kritik gleich negativ so fest verankert ist. Es ist häufig unangenehm. Oft sogar für beide.

Gab es bei Ihnen in der Situation schon jemanden der auf Ihre Kritik sofort „Danke“ gesagt hat? Herzlichen Glückwunsch!

Die Kritik ist somit „eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass Probleme behoben werden können“ [2] und damit kommen wir zum Schluss.

Dieser Blog möchte die Themen der wichtigen Eckpfeiler wie Politik, Wirtschaft, Gesellschaftsnormen etc. kritisch hinterfragen. Der Blog versteht sich nicht als Dauernörgler oder Instrument der Schlechtmacherei,  sondern dient zur Wahrheitsfindung für freie Denker. Denn neuerdings hat man immer mehr das Gefühl, dass durch die klassischen Medien eine BEurteilung vorweggenommen wird, sodass wir nicht mehr selbst prüfen und uns Gedanken machen können. Die Kritik steht schon fest.

Wer hat etwas davon, Meinungen in eine bestimmte Richtung zu lenken? Wem nützt dies?

Lassen Sie uns darüber zusammen kritisch diskutieren!

Willkommen auf meinem Blog

geschrieben von Tobias B. Vogt

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[1] Anne-Barb Hertkorn: Kritik und System. Vergleichende Untersuchungen zu Programm und Durchführung von Kants Konzeption der Philosophie als Wissenschaft. phronesis, München 2009, ISBN 978-3-00-019509-9, S. 32. (eingeschränkte Online-Version in der Google-Buchsuche-USA)

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik

Weiterführende Quelle:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Kritik

http://de.wiktionary.org/wiki/kritisch

http://www.business-wissen.de/artikel/kritik-ueben-mit-konstruktiver-kritik-konflikte-vermeiden/

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